Wir waren guter Dinge, luden uns gegenseitig zum bulgarischen Willkommenstee auf der anderen Seite ein und fuhren nichtsahnend zum Grenzübergang kurz hinter der Fährabfahrt. Trotz EU und Schengenabkommen kontrollieren die Beamten immer noch zumindest, ob der Pass gültig ist und das Photo dem Gesicht des Besitzers entspricht. Und dann wollte der Kontrolletti den „Perso“ des Autos haben. Britische Autos haben jedoch keinen Fahrzeugschein, nur einen Fahrzeugbrief („V5-Document“), den gewöhnlich kein Brite mit sich rumschleppt und erst recht nicht im Auto liegen lässt. Für die Fahrt durch Osteuropa hatte mir die Versicherung eine Greencard zukommen lassen, dich ihm dann frohlockend unter die Nase hielt. Allerdings interessierte die ihn nicht sonderlich, er wollte Fahrzeug-Ausweis. Ich erklärte ihm die Situation und er schüttelte den Kopf und verschwand mit seinen grinsenden Kollegen in die Stube. Derweil stauten sich sämtliche Autos, die von der Fähre kamen, hinter uns. Shitfuckinghell, dachte ich, die lassen uns nicht durch. Plötzlich kam die Meute wieder raus zusammen mit einem Typen, der ne ganze Latte an Armeesymbolen auf der Brust trug uns recht unbarmherzig taxierte. Ich setze mein dümmlichstes Hilflosgrinsen ohne aber mit irgendeiner Art von Gnade zu rechnen. Und die gabs dann auch erwartungsgemäß nicht. Mit einem fast astreinem deutsch erklärte mir der Mann, dass ich ins Land darf, das Auto aber nicht. Ich fragte ihn, ob wir nach Istanbul laufen sollten und er sagte: „Klar, das wär das einfachste!“
In solchen Momenten dehnen sich Zeit, Raum und Realität. Der Verstand versucht zu kontrollieren, der Bauch interveniert zu jedem Gedanken, Lachen und Heulen sind fast das selbe. Und dann sehe ich das Blitzen in seinen Augen, etwa wie „Komm schon Junge, gib nicht auf, zeig mir was du drauf hast, aber treibs nicht zu arg.“ Ich ahnte, dass ich heute noch am schwarzen Meer sitzen würde. Rose sprach derweil die magischen Worte, beinahe geflüstert: „Was können wir tun, um diese Situation flexibel zu lösen?“ Er wußte, dass seine Kollegen das nicht verstanden und wackelte mit seinem Kopf. Und dann: im Handschuhfach entdeckte ich zwischen den Handbüchern und abgelaufenen Garantieurkunden noch ein (ebenso abgelaufenes) MOT-Zertifikat. Das ist der britische TÜV, den man jährlich machen muss. Gott sei Dank enthielt dieser die Fahrzeugnummer, die unter der Vorderscheibe abgedruckt war. Er nuschelte irgendwas bulgarisches seinen immer noch grinsenden Kollegen zu und sagte plötzlich „Gute Fahrt!“.
Wow, der Thrill nach dem Schock. Plötzlich war die Welt wunderschön, Bulgarien ist komplett anders drauf, der Unterschied ist schon sehr krass zu Rumänien. Wenn auch nicht wesentlich weiter im wirtschaftlichen Sinne, so spürt man hier eine Art würdevolle Gelassenheit byzantinischer Natur. Die Straßen sind viel besser und kaum befahren, zum ersten Mal fühlen wir den real Roadtrip. Die Felder sind goldgelb, die Häuser klein, die Pferde stumm und die Leute noch nicht mal neugierig. Europa ist schön.
Wir erreichten vor Sonnenuntergang einen Zeltplatz am schwarzen Meer, nahe der Stadt Kavama, etwa eine Stunde nördlich von Varna. Tony gab uns den Tip, statt Varna lieber nördlich am Küstenstreifen nach Camping Ausschau zu halten und der Tip zahlte sich mehr als aus. Der Zeltplatz bietet alles und doch ist er völlig abgelegen in einer idyllischen Bucht zwischen weißem Kalkfelsen.
Dort blieben wir dann glatt einen Tag länger als geplant. Kavarna selbst ist die Rockhauptstadt Bulgariens, eine Art Geheimfestival zieht sämtliche Südosteuropäer hierher um Rod Steward, Billy Idol und U2 zu sehen. Leider war an diesen Tagen außer Bruthitze nicht viel los. Wir entdeckten einen schnieken, leicht ibizamäßigen Hedonistestrand ca. 3 km südlich Kavarnas und verbrachten den Tag auf weißen Liegen mit Cuba Libres, sehr relaxt.
Der Tag darauf sollte alles andere als relaxt werden...
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